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Jigoro Kano formuliert das Erziehungsziel des Judo folgendermaßen:
"Das letzte Ziel des Judo ist es also, in den Geist eines jeden Respekt
für das Prinzip der größten Wirksamkeit einzupflanzen und so
allgemeine Wohlfahrt und Glück zu verbreiten." Um diese Zielsetzung zu
erreichen, stellte Kano zwei Prinzipien der gesamten
Judo-Ausbildung als Leitlinien voran: Sei-ryoku-zen-yo (das technische
Prinzip) und Ji-tai-kyo-ei (das moralische Prinzip). Die durchgängige
Beachtung dieser beiden Prinzipien hebt den Judo-Lehrer über die reine
Vermittlung von Judotechniken hinaus und läßt ihn vom Lehrer und Trainer
auch zum Erzieher werden.
Das erste Prinzip beschreibt, wie man die Judotechniken ausführen soll und
wie man sich im Kampf zu verhalten hat. Es kann mit "Bester Einsatz von
Geist und Körper" oder "Bester Einsatz der vorhandenen Kräfte" umschrieben
werden und beinhaltet eine deutliche Absage an die bloße Anwendung
physischer Kraft. Mit diesem Prinzip will Kano den Begriff ju
(sanft, nachgeben, geschmeidig) des Wortes Judo näher charakterisieren.
Die Idee des Siegens durch Nachgeben, sowohl als körperliche Eigenschaft
als auch als geistig-emotionale Einstellung findet sich hier wieder.
Das zweite Prinzip hebt Judo über eine bloße Zweikampfsportart hinaus und
läßt es zum Erziehungssystem werden. In der Übersetzung kann man dieses
Prinzip als "Gegenseitige Hilfe für den wechselseitigen Fortschritt und
das beiderseitige Wohlergehen" verstehen. Kano macht damit
deutlich, mit welcher Einstellung und Haltung man Judo erlernen und
betreiben soll. Er macht klar, daß der Partner nicht nur Übungsobjekt ist,
jemand, an dem man übt, sondern jemand, für den man Verantwortung
entwickeln muß und für dessen Fortschritt in technischer und persönlicher
Hinsicht man genauso arbeiten muß, wie für den eigenen. Ohne willig
mitarbeitende Partner ist ein Judo-Studium nicht möglich. Mit dem Prinzip
des gegenseitigen Helfens und Verstehens hat Kano den Aspekt des do
(Weg, Prinzip, Grundsatz) des Wortes Judo als Lebensweg oder prinzipielle
Einstellung zum Leben im Miteinander näher beschrieben.
Die Halle, in der man Judo praktiziert, nennt man Dojo (Ort zum Studium
des Weges). Dojo bezeichnet dabei sowohl das gesamte Gebäude, als auch die
zum Training benutzte Mattenfläche (Tatami). Ein Dojo ist mehr als eine
einfache Sportstätte. Der Begriff wurde dem Zen-Buddhismus entnommen und
bezeichnet dort einen Meditationsraum. Auch wenn man in Europa dieses enge
Verständnis einer Trainingsstätte nicht unbedingt teilen muß, so sollten
doch einige allgemeine Regeln für die Gestaltung des Dojos und das
Verhalten der Übenden darin gelten.
Der Raum an sich sollte einfach und schmucklos sein, nichts sollte vom
eigentlichen Üben ablenken. Die vier Wände des Dojos haben ihre besondere
Bedeutung. Die Ehrenseite des Dojo, Kamiza (Sitz der Götter) ist nach
Norden ausgerichtet und normalerweise die einzige Seite, die als Schmuck
einen Sinnspruch, ein Bild des Gründers des Dojos oder Jigoro Kanos hat.
Dieser Seite sollte der Schüler, auch während der Übung, auf keinen Fall
den Rücken kehren. Das ist nur dem Lehrer gestattet. Im Osten befindet
sich Yoseki (Lehrerseite). Kamiza und Yoseki sind den offiziellen
Ehrengästen und Lehrern vorbehalten, während sich die Schüler auf
Shimoseki (Westen) und Shimoza (Süden) aufhalten. Im Dojo selbst darf
nicht gegessen und getrunken werden. Man sollte das Reden auf das
unbedingt für das Üben Notwendige beschränken.
Beim Betreten des Dojos grüßt man mit einer Verbeugung zu Kamiza, wenn
dort ein Bild aufgehängt ist.
Mit dieser Verbeugung zollt man dem Gründer des Dojos und des Judo seinen
Respekt vor seiner Lebensleistung und vor den Taten, von denen man durch
das Üben in diesem Dojo selber profitiert. Ist kein Bild
angebracht, kann diese Verbeugung entfallen.
Ein Dojo sollte zwar kein
Heiligtum sein, aber doch ein Ort der Ruhe, der Ordnung, der Zurückhaltung
und der Kultiviertheit. In einem Dojo wird dem Übenden die Möglichkeit
gegeben, sich auf seinen Weg (Do) zu konzentrieren. Auf diesem Weg soll
erreicht werden, daß der Geist, die Seele sowie der Körper in einem
harmonischen Einklang stehen. Durch ständiges Training werden die Übungen
bzw. Techniken verinnerlicht. Ein Raum wird aber erst dann zu einem Dojo,
wenn die dort Übenden diesem Raum mit einer entsprechenden geistigen
Einstellung gegenübertreten. Um zu einer solchen Einstellung zu gelangen,
halten die Lehrer oder Meister die Judoka dazu an, sich nach bestimmten
Formen (Etikette) im Dojo zu verhalten. Das Dojo ist eine Insel der Ruhe,
auf der sich die Übenden von dem täglichen Lern- bzw. Arbeitsdruck und den
damit verbundenen inneren Anspannungen befreien können, um zu innerer Ruhe
gelangen zu können.
Wenn man die Matte betritt,
grüßt man im Stand an (Tachi-rei). Eine Verbeugung im Stand macht
man ebenfalls zu Beginn und nach jedem Üben mit einem Partner. Man bringt
mit dieser Verbeugung zum Ausdruck, daß man sich an die Judo-Regeln halten
will und sich für den Fortschritt des Partners und seine Gesundheit
verantwortlich fühlt.
Übt man am Boden, erfolgt die Verbeugung aus dem Kniesitz (Za-rei). Diese
zweite Art der Verbeugung wird auch zu Beginn und am Ende einer jeden
Übungsstunde durchgeführt. Sie dient der Sammlung und der Entspannung. Vor
Unterrichtsbeginn sollen mit der kurzen Konzentrationsphase (Mokuso) im
Kniesitz (Za-zen) sich alle Gedanken auf das bevorstehende Üben des Judo
verdichten. Am Ende der Stunde dient Mokuso (Schwimmen in Gedanken) der
Beruhigung von Körper und Geist.
Mit diesem Verbeugen zueinander bedanken sich die Schüler dafür, daß ihr
Lehrer sein Wissen an sie weitergibt. Der Lehrer wiederum zeigt sich
dankbar, sein erworbenes Wissen an seine Schüler weitergeben zu können.
Ein Lehrer ohne Schüler ist kein Lehrer. Wissen, das nicht weitergegeben
wird, ist nutzlos.
Leserbrief zu "Die Judo-Etikette" von Stefan Höhle, Judo Magazin
10/2003, S. 18:

Literaturhinweise:
Tenshukaku
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Jigoro Kano: Kodokan Judo |
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Brian N. Watson: The Father of Judo - A
Biography of Jigoro Kano |
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Ralf Lippmann (Hrsg.):
Fachübungsleiter-/Trainer-C-Ausbildung |
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Tadao Inogai/Roland Habersetzer: Judo
pratique |
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