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Geschichte des Judo
Die Wurzeln des Judo liegen in kriegerischen Auseinandersetzungen, dem
natürlichen Trieb des Kräftemessens und kultisch-religiösen Riten. Erste
Überlieferungen von Zweikampfsportarten gehen bis auf ägyptische
Wandzeichnungen und Papyrusrollen (ca. 2500 v. Chr.) sowie Wettkämpfe im
Ringen anläßlich der 18. Olympiade (708 v. Chr.) zurück. Die sog.
ursprünglichen Zweikampfsportarten sind Schwingen, Glima und Sumo.
In Japan sind Ursprünge des Zweikampfes seit ca. 70 v. Chr. historisch
belegt. Bei den Kämpfen an den Höfen differenzierte man zwischen Bu-gi
(Kriegskunst) und Kyo-gi (Wettbewerb). Die Entwicklung der Kampfkünste
wurde durch die kriegerischen Auseinandersetzungen stark beeinflußt.
Ju-jutsu wurde seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als eigenes
System unterrichtet. In der Edo-Zeit (1603 - 1668) wurde ein Waffenverbot
am Hof eingeführt, wodurch sich die waffenlosen Zweikampfarten
entwickelten. Es entstanden mehr als 100 Schulen mit jeweils eigenen
Techniken und Lernmethoden (Denshos = Manuskripte). 1868 erfolgte mit der
Meji-Restauration die Abschaffung der Feudalherrschaft und damit auch der
Macht der Adeligen mit ihren Söldnern (Samurai). Gleichzeitig schloß sich
eine kulturelle Wandlung, eine Öffnung zur restlichen Welt, in Japan an,
einhergehend mit einer Verachtung des Einheimischen und damit der
Niedergang des Ju-jutsu.
1876 kam Erwin Bälz
nach Japan; zunächst wurde er Lehrer an der Universität von Tokyo, später
dann Leibarzt des Tenno. Er entdeckte die fast verschwundenen
Zweikampfarten wieder und regte seine Studenten an, sich damit zu
befassen. Einer seiner Studenten war Jigoro
Kano (* 28.10.1860, †
04.05.1938), der an drei verschiedenen Ju-jutsu-Schulen studierte und
schließlich sein eigenes System entwickelte. Das Kodokan-Judo ist geprägt
durch die Eliminierung gefährlicher Techniken und der Systematisierung der
effektivsten Techniken aus den drei Schulen. Fallübungen wurden gelehrt,
außerdem bestand die Möglichkeit, im Kampf aufzugeben. Das Training fand
auf Reisstrohmatten (Tatami) statt, was die Verletzungsgefahr erheblich
minderte. 1895 wurde die Go-kyo (Fünf Stufen) geschaffen, die die 40
Grundwürfe des Judo beinhaltet und 1920 reformiert wurde. 1893 wurde
Kano
Sekretär im Erziehungsministerium, 1898 Judo Pflichtfach an den Schulen.
1910 wurde Kano
Mitglied des IOC. Er starb 1938 auf einer Rückreise von Europa.
1956 fanden in Tokyo
die ersten Weltmeisterschaften statt, damals nur in einer offenen
Gewichtsklasse. Erst als 1961 bei den dritten Weltmeisterschaften in Paris
der Niederländer Anton Geesink
erstmals die japanischen Judoka besiegen konnte, wurden Gewichtsklassen
eingeführt. 1964
fanden die Olympischen Spiele in Tokyo erstmals mit der Disziplin Judo
statt. 1970 wurde das Verbot für Frauenwettkämpfe aufgehoben, 1992 wurde
Judo auch für Frauen olympische Disziplin. Seit 1998 gelten weltweit neue
Gewichtsklassen für Frauen und Männer (Frauen: - 48, - 52, - 57, - 63, -
70, - 78 und +78 kg; Männer: - 60, - 66, - 73, - 81, - 90, - 100 und + 100
kg).
Die Verbreitung des Judo in Deutschland geht auf den
Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Erich Rahn
gründete in Berlin die erste Ju-jutsu-Schule,
Alfred Rhode 1922 den ersten Ju-jutsu-Club in
Frankfurt am Main. Die erste Judo-Sommerschule 1932 in Frankfurt am Main
bezeichnet die Geburtsstunde des Judo in Deutschland. Im gleichen Jahr
wurden die Europäische Judo-Union (EJU) und der Deutsche Judoring
gegründet. 1933 besuchte Kano
Berlin und hielt an der Humboldt-Universität Training ab. 1934 fanden in
Dresden die ersten Europameisterschaften statt. Im Dritten Reich wurde
Judo der Schwerathletik unterstellt und ähnlich wie in Japan als
paramilitärische Erziehungsmaßnahme eingeführt. Von 1945 bis 1948 wurde
Judo durch die Alliierten Besatzungsmächte verboten. 1952 wurde das
Deutsche Dan-Kollegium (DDK) gegründet, ein Jahr später der Deutsche
Judo-Bund (DJB). Die ersten Deutschen Meisterschaften nach dem Zweiten
Weltkrieg wurden 1956 ausgetragen. 1969 wurde die Judo-Bundesliga
eingeführt.
Seit 1995 sieht die neue DJB-Prüfungsordnung acht
Kyu-Grade vor. Traditionell gab es in Japan nur weiße Gürtel für die
Schüler, obwohl nach dem ursprünglichen System der Gokyo in fünf Stufen
gelehrt wurde. Später wurde der Grüngurt eingeführt, um die Schülergrade
zu differenzieren. In Europa legte man sich auf die Farben gelb, orange,
grün, blau und braun fest, was letztlich auch in Japan übernommen wurde.
Die Kyu-Grade von weiß-gelb, gelb, gelb-orange, orange, orange-grün, grün,
blau bis braun sind heute für die Schüler vorgesehen, während die
Dan-Grade den Judo-Meistern oder -Lehrern zustehen. Es gibt Prüfungen bis
zum fünften Dan, alle diese Gürtel sind schwarz. Ab dem sechsten Dan, der
nur noch verliehen werden kann, kann anstelle des schwarzen Gürtels ein
rot-weißer getragen werden. Ab dem neunten Dan ist der Gürtel rot.
Kano wurde mit dem
zwölften Dan ausgezeichnet.
Traditionell kannten die Japaner bis Ende
des 19. Jahrhunderts keine Leistungsklassen der Kriegskünste, welche durch
ein Gürtelsystem unterschieden wurden. Als Erster setzte Kano ein
Zwei-Rang-System im Kodokan ein. Er schuf zwei Trainingsgruppen welche er
Mudansha (Nichtgraduierte) und Yudansha (Graduierte) nannte. Damit setzte
er sich über alle klassischen Rangsysteme der Kampfkünste hinweg, welche
lediglich die Einteilung in Shoden (Grundwissen), Chuden (Erweiterte
Techniken), Okuden (Geheime Techniken) und Menkyo (Vollständiges Wissen)
kannte. In den klassischen Systemen waren die Bedingungen zum Erhalt einer
Lizenz sehr verschieden und es gab auch keine Prüfungen nach modernen
Maßstäben. Wenn die Schüler im Laufe der Zeit einen gewissen Grad der
Ausbildung absolviert hatten, bekamen sie von ihren Lehrern das Zertifikat
über den Abschluß in Form eines handschriftlichen Briefes überreicht. Bei
der Präsentation des Menkyo Kaiden wurde sehr oft ein Densho, eine Bild-
oder Schriftrolle mit Darstellungen der Techniken oder Geheimnissen der
Schule, übergeben. Diese Illustrationen wurden meist verschlüsselt oder
abstrahiert dargestellt, so daß nur Eingeweihte des Schulsystems, also
Menschen mit Menkyo-Wissen, die Texte deuten konnten. Dieses Verfahren
bildete die Sicherheit, das schuleigene Wissen nicht nach außen dringen zu
lassen und dieses unverfälscht zu vererben. So wurden die Densho-Rollen
häufig von einer Generation Lehrer an die nächsten weitergegeben. Kano,
nicht nur Experte in den Kampfkünsten, sondern auch Verfechter der
aufkommenden Sportbewegung im Japan, bildete mit seinem Zwei-Rang-System
ab 1883 eine eher sportlich als kriegerisch orientierte Hierarchie.
Eventuell versuchte er dem Judo mit seiner neuen Graduierung ein für
Schüler leichter zu überblickendes Gefüge zu verleihen bzw. die
Entwicklung der Studenten so deutlicher zu machen und deren
Ehrgeiz noch mehr anzuspornen. Die Graduierung nach Farben wurde im
Kodokan jedoch erst ab 1887 eingeführt. Die optische Unterscheidung von
Anfängern und Fortgeschrittenen durch farbige Bänder war in Japan schon
vor Kanos Judo bekannt - allerdings nicht in den Kriegskünsten.
Eine ähnliche Entwicklung erfuhr auch der rot-weiße Gürtel höherer
Dan-Graduierungen in einigen Budodisziplinen. Rot und Weiß sind seit
Frühzeiten symbolträchtige Farben in der japanischen Geschichte. Weiß
bedeutet Tod, Trauer, Stille und Frieden - Rot steht für Leben, Energie,
Kraft und Liebe. Doch unabhängig dieser Gegenpole bezieht sich diese
Kombination auf eine historische Begegnung der wohl bekanntesten
Adelsgeschlechter, die Japan je hervorgebracht hat - Taira und Minamoto.
Diese rieben sich in den Genpei-Kriegen des 12. Jahrhunderts fast
vollständig auf und prägten dadurch die weitere Geschichte Japans. Die
Klanfarben waren für die Minamoto weiße und für die Taira rote Banner.
Somit gaben sie wohl den Anstoß für den ewigen Zwist zwischen Rot und Weiß
in der japanischen Kultur. Der Träger des rot-weißen Gürtels sollte aber
über solche simplen Zwistigkeiten erhaben sein bzw. beide Pole in sich
vereinen (In-Yo Prinzip des esoterischen Buddhismus). Die Balance zwischen
den Elementen und Harmonie sollte angestrebtes Ziel eines modernen Budoka
sein. Für die Samurai der Vergangenheit zählte hier eher der Aspekt des
Überlebens und des Sieges in der Schlacht als seine geistige Entwicklung.
Ungeachtet dessen werden im Budo heute noch Kampfparteien bei Wettkämpfen
in Aka (Rot) und Shiro (Weiß) getrennt, welches durch verschiedene Gürtel
oder Bänder an Rüstungen symbolisiert wird. Im Judo wurden rote und weiße
Gürtel allerdings durch blaue und weiße Judogi ersetzt - gegen den
Widerstand Japans.
Literaturhinweise:
Tenshukaku
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Jigoro Kano:
Kodokan Judo |
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Brian N. Watson:
The Father of Judo - A Biography of Jigoro Kano |
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Ralf Lippmann
(Hrsg.): Fachübungsleiter-/Trainer-C-Ausbildung |
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Tadao Inogai/Roland
Habersetzer: Judo pratique |
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